Ravage- "Wer Wind sät, wird Sturm ernten" Bombenkrieg in Emden

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“

 
 

 

Leben im Bombenkrieg     Die MIP II/2 (BBS II Emden) befragt Zeitzeugen.

Wir hatten in unserer Klasse den ehemaligen Berufsschullehrer Hermann Kramer (77), der uns als Zeitzeuge die schrecklichen Bombardierungen Emdens geschildert hat.

 

Kriegsbeginn: September 1939

Emden war zunächst Hauptangriffsziel der Luftangriffe durch die Engländer. Luftschutzkeller wurden ausgebaut. In unserem Haus wurde, da wir einen Gewölbekeller hatten, ein Luftschutzkeller hergerichtet. Der große Luftschutzkeller der Wallschule galt als absolut sicher. Bei einem Luftangriff wurde die Wallschule von Brandbomben getroffen. Es entstand eine gewaltige Rauchentwicklung. Da die Kellerräume betroffen waren, brach eine Panik aus. Es wurde ein Gasbombenangriff vermutet. Volksgasmasken wurden ausgeteilt. Der Brand im Dachstuhl konnte schnell gelöscht werden.
Die Luftangriffe erfolgten meistens während der Nacht. Ständig wurde Vor- und Vollalarm gegeben. Da wir einen eigenen Luftschutzkeller besaßen, gingen wir des Nachts bei Vollalarm nur dann hinein, wenn es brenzlig wurde.
Vollalarm: Wir hörten in der Ferne Flugzeugmotorengeräusche. Plötzlich wurde es sehr hell am Himmel. Wie leuchtende Weihnachtsbäume sahen die nach unten fallenden Leuchtkörper aus. „Schnell in den Luftschutzkeller“, sagte mein Vater. „Sie leuchten das Stadtgebiet aus, damit die nachfolgenden Feindflugzeuge Zielobjekte mit Bomben belegen können“. Die Luftangriffe erfolgten immer häufiger. Viele Gebäude und Häuser waren bereits zerstört oder beschädigt. Zunächst wurden immer Brandbomben und dann, wenn von den Flammen alles hell erleuchtet war, Sprengbomben abgeworfen. Jede Nacht hatten wir Fliegeralarm.
Bis zum Frühjahr 1941 waren bereits viele Schulen so stark beschädigt, dass kein geregelter Schulbetrieb mehr aufrecht erhalten werden konnte. Die Verluste in der Zivilbevölkerung waren hoch, da die Luftschutzkeller nur bedingt Schutz boten.
Wir Schulkinder waren durch die häufigen Nachtangriffe übermüdet und erschöpft. Die NS-Vertreter entschlossen sich, Schulkinder aus gefährdeten Gebieten in bis dahin ungefährdete Gebiete zu evakuieren. Es entstanden die so genannten KLV-Lager. Im Frühjahr 1941 fuhren wir mit dem Zug von Emden nach Gars am Inn. (ca. 60 km östlich von München).
In Emden entstanden über 30 große Luftschutzbunker. Zu den ersten gehörte z.B. der Bunker in der Lienbahnstr. Bei einem Luftangriff fiel eine Sprengbombe schräg von der Seite unter den o.g. Bunker. Neun Menschen kamen in dem Bunker ums Leben.
Alle Bunker erhielten dann einen breiten Fundamentsockel. Rund um Emden befanden sich viele Abwehrgeschütze (Flak-Batterien) und eine große Anzahl von Sperrballons. Italienische Soldaten bedienten Nebeltonnen, die geöffnet wurden, wenn Luftangriffe zu erwarten waren. Meine Familie wohnte z.Z. in der damaligen Schoonhovenstr. (jetzt Bollwerkstr.). Beim Bau unseres Bunkers am Gelben Mühlen-zwinger habe ich oft zugeschaut.
Folgendes ist mir dabei in Erinnerung geblieben: Da die arbeitsfähigen deutschen Männer als Soldaten an den verschiedenen Fronten eingesetzt waren, musste man auf Dienstverpflichtete und Zwangsarbeiter zurückgreifen. Es waren auch viele Holländer dabei.
Die Gründung erfolgte damals schon mittels Betonpfählen. Da unser Bunker ein Winterbau war, hatte man ihn mit Planen eingepackt. Unter diesen Planen rund um den Bunker hat man Feuerstellen angelegt. Normalerweise kann ja bei starkem Frostwetter nicht betoniert werden.
Nach Fertigstellung aller Bunker konnten weit über 600 Menschen pro Bunker Schutz darin finden. Die Luftangriffe häuften sich. Der Schulbetrieb war so ziemlich zusammengebrochen. Ich fand im Rheiderland (Oldendorp in der Nähe von Ditzum) eine Bleibe. Bei einem Bauern musste ich 11 Kühe von Hand melken (Melkmaschinen gab es damals noch nicht).
In Ditzum ging ich zur Schule. Obwohl Emden ständig Luftangriffen ausgesetzt war, konnte der Unterricht in Ditzum fast störungsfrei durchgeführt werden. Im Juni 1942 gab es wieder einen schweren Luftangriff auf Emden. Vom Deich aus konnte ich die schrecklichen Brände über Emden erblicken. Am nächsten Tag fuhr ich mit der Fähre von Ditzum über die Ems nach Petkum und weiter mit dem Fahrrad nach Emden. Unser Haus war vollständig ausgebrannt. Meine Eltern und Geschwister befanden sich zum Glück im Bunker. Bis Weihnachten 1942 wurde unser Haus, da meine Eltern u.a. einen landwirtschaftlichen Betrieb unterhielten, von holländischen Zwangsarbeitern wieder aufgebaut.

Im April 1943 trat ich auf den Nordseewerken in Emden eine Lehre als Maschinenschlosser an. Gebaut wurden zu der Zeit auf der Werft Kriegsschiffe, z.B. U-Boote, Sperrbrecher sowie Umbauten zu Vorpostenbooten und Reparaturschiffe.
Fliegeralarm! Ich befand mich auf einem im Schwimmdock liegenden Reparatur-U-Boot. Meine Tätigkeit bestand darin, eine Rohrleitung auszuwechseln. Ich befand mich zwischen einem Rohrleitungsgewirr. Die Alarmsirenen hatte ich überhört. Plötzlich begann die Bordkanone des U-Bootes zu feuern. Die Marinesoldaten des U-Bootes schossen auf angreifende Flugzeuge. Ich war so erregt, dass es mir nicht gelang, aus dem Rohrbündel herauszukommen. Der Körper nimmt offensichtlich bei Erregung an Volumen zu. Es war furchtbar, in dem eingeschlossenen Stahlkörper den ungeheuerlichen Krach anzuhören.
Immer häufiger flogen die Kriegsgegner Angriffe, bei Tag und bei Nacht. Obwohl durch Radar viele Feindflugzeuge erfasst und abgeschossen wurden, drangen die Flugzeugverbände nach Deutschland ein. Manchmal mussten wir in einer Nacht bis zu fünf Mal in den Bunker. Trotz Ermüdung und Erschöpfung litt die Arbeitsmoral zumindest auf der Werft nicht unbedingt. Auch auf der Werft waren viele Ausländer, vor allem russische und französische Kriegsgefangene, eingesetzt. Sie waren zum Teil sehr fingerfertig. So haben sie nebenbei z.B. Tabaksdosen aus Messing mit Gravierungen oder Fingerringe aus Chrom-Nickel-Stahl angefertigt. Dafür bekamen sie von uns Brot oder andere Lebensmittel.
Dann kam der 6. Sept.1944. Wir hatten gerade Feierabend, es war 18 Uhr, als Fliegeralarm ertönte. Normalerweise dauerte es eine Zeit, bis die Flugzeuge das Angriffsziel erreichten. Ich hatte vor, noch mit meinem Fahrrad nach Hause zu kommen (ca. 15 Minuten). Unterwegs konnte bei Gefahr noch der Bunker auf der Staatswerft, der Bunker in der Mühlenstr. oder der Bunker bei der Neuen  Kirche erreicht werden. Aber es ging diesmal ganz schnell. Bevor ich das Werfttor erreichte, waren Flugzeuggeräusche zu hören. Schnell begab ich mich in den Werftbunker. Die  Eingangstüren waren gerade geschlossen, als das Inferno begann.
Ca. 45 Minuten waren vergangen, als das Getöse draußen abklang. Wir wussten nicht, ob der Angriff zu Ende war. Immer wieder hörten wir es krachen und bersten, wenn die Bunkertüren geöffnet wurden. Obwohl es eigentlich noch nicht dunkel sein konnte, war die Luft schwarz und feuerrot. Schnell schlossen wir die Türen wieder. Über eine Stunde haben wir gewartet. Dann öffneten wir die Türen nochmals. Es waren keine Flugzeuggeräusche mehr zu hören. Da der Bunker während des Angriffs erheblich schwankte, waren wir anfangs der Meinung, die Werft sei das Angriffsziel der Alliierten gewesen. Es war aber nicht so. Das Krachen und Bersten rührte von Bomben mit Spätzündung und explodierenden Granaten aus getroffenen Heeresbeständen. Mit dem Fahrrad versuchte ich jetzt, so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen. Zuerst musste ich mehrere Sprengbombentrichter umfahren, bevor der Fahrradstand erreicht war.
Es war inzwischen stockfinster. Mein Blick fiel auf die Altstadt, die alte Heringsfischerei, das Gebiet um Nesserland, die Werft von Schulte & Bruns, den Ratsdelft mit dem Rathausviertel und das Gebiet um den Bahnhof-Süd. Überall ein Flammenmeer. Nur mühsam konnte ich mich, das Fahrrad schiebend, am Falderndelft entlang zum Bunker-Mühlenstr. durchkämpfen. Überall um mich herum brannte es. Feuerwehrmänner versuchten, so gut wie möglich zu retten, was zu retten war, und Brände zu löschen. Es tobte ein unheimlicher Feuersturm. Das Feuer brauchte Sauerstoff, den sich die Flammen aus der Luft holten. Deswegen auch der Sturm, der die Giebel älterer Häuser zum Einsturz brachte. Meine Augen brannten und schmerzten entsetzlich. Ein weiteres Fortkommen mit dem Fahrrad war einfach unmöglich. Im Bunker habe ich mich erst einmal ausgeruht. Bis zum Bunker in der Mühlenstraße habe ich mindestens zwei Stunden gebraucht. Um weiter zu kommen, bekam ich vom Bunkerwart eine Schutzbrille ausgehändigt. Das Fahrrad musste ich, da die Straßen mit Glas, brennenden Gegenständen und Steinschutt übersät waren, beim Bunker stehen lassen. Trotzdem war es schwierig, voranzukommen. In der Brandenburger Straße bekam ich fast keine Luft mehr. Auf der Wasserseite, also dem Falderndelft bis zum Roten Siel, mussten Tankschiffe getroffen und ausgelaufen sein. Die gesamte Wasseroberfläche brannte. Auf der anderen Seite der Straße brannten sämtliche Häuser. Die Giebelwände fielen vor mir auf die Straße. Die Menschen waren bemüht, noch Gebrauchsgegenstände aus ihren Häusern zu holen. Ich musste weiter und wollte sehen, wie es bei uns in der Schoonhovenstraße aussah. Weiter ging es über die Rote-Siel-Brücke, vorbei an dem brennenden Gödenschen Haus und der Neuen Kirche bis zum Wall. Selbst dort, wo ich jetzt der Meinung war, schneller voranzukommen, sah ich vor mir brennende Bäume. Als ich dann endlich sehr spät die Schoonhovenstr. erreichte, konnte ich erleichtert feststellen, dass unser Haus noch unbeschadet stand. Meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder waren erleichtert, dass ich wieder zurück war. Mein Vater kam schon vorher aus Borssum, denn dort hatten wir unsere Milchkühe auf der Weide, die gemolken werden mussten. Mein Bruder, der sich bei einem Bauern in der Ausbildung befand und schon sehr frühzeitig zu Hause war, stellte mit Schrecken fest, dass vom rückwärtigen Haus, das in Flammen stand, Funken auf unser Stallgebäude, welches mit Heu gefüllt war, übersprangen. Mit Hilfe einer handbetriebenen Feuerlöschpumpe waren meine Geschwister in der Lage, unter schwierigen Bedingungen unser Stallgebäude zu retten. Am nächsten Tag mussten wir unseren Dienst wieder antreten. Es kamen bei diesem schweren Luftangriff über 40 Menschen ums Leben. Ich weiß nicht, wie groß die Verluste gewesen wären, wenn wir nicht die vielen Bunker gehabt hätten. Über 30 Bunker wurden zum Schutze der Bevölkerung gebaut. Traurig und empört waren alle darüber, dass unser wunderschönes Rathaus, Kirchen, Schulen, historisch wertvolle Bauten und die große Anzahl von Wohnhäusern zerstört wurden.
Unermüdlich war man bestrebt, den Bauschutt aufzubereiten oder zu beseitigen. So wurden der Lindengraben und der Brauersgraben voll geschüttet. Aber auch viel Schutt gelangte in den Delft und den Stadtgraben. Die Straßen wurden nach jedem Luftangriff wieder so weit frei geräumt, dass Fahrzeuge sie befahren konnten.  Bei einem anderen nächtlichen Bombenangriff, wir Jungs befanden uns ganz oben im Bunker, gab es einen furchtbaren Knall. Der Bunker schwankte bedenklich. Die Stromkabel flogen uns um die Ohren. Das Licht erlosch, Panik brach aus. Kleine Kinder und Mütter haben geschrien. Die Notbeleuchtung wurde eingeschaltet. Erst am nächsten Tag stellten wir fest, dass der Bunker ganz oben, wo auch wir uns aufhielten, einen Volltreffer erhalten hatte. Es waren lediglich einige Betonstücke ausgebrochen, die wir am Fuße des Bunkers entdeckten. Viele Bewohner Emdens und auch meine Schwester haben bei unseren Verwandten, nahe Aurich, eine vorläufige Bleibe gefunden. Mein Bruder wohnte bei seinem Arbeitgeber auf dem Bauernhof.
Kurz vor Ende des Krieges erhielt ich noch den Einberufungsbescheid. Die Musterung erfolgte in Aurich. 
Eines Tages hatte ich das Bedürfnis, meine Mutter zu besuchen. Nach Einbruch der Dunkelheit -Tieffliegergefahr- fuhr ich mit dem Fahrrad los. Als ich zurückfuhr, wurde die Straße von Scheinwerfern angestrahlt. Gleichzeitig hörte ich Flugzeugmotorengeräusche. Blitzschnell sprang ich vom Fahrrad und begab mich in einen Schutzgraben am Straßenrand. Tiefflieger beschossen die Straße. Nachdem alles vorbei war, man hatte mich verfehlt, fuhr ich weiter in Richtung Emden. Kurz vor Emden, zwischen Suurhusen und Harsweg wurde ich plötzlich angehalten. Vor mir stand ein deutscher Wehrmachtsangehöriger. Er erklärte mir, dass ich mich vor der Hauptkampflinie (HKL) befände. 
Dann kam für uns der letzte Kriegstag. Auch zu der Zeit war ich noch bei den Nordseewerken tätig. Auf dem Weg zur Arbeit wurde ich von einem Offizier der deutschen Wehrmacht angehalten. Er drückte mir eine Panzerfaust unter den Arm. In einem Schützengraben musste ich mich verschanzen, um auf feindliche Panzer zu schießen, die aus Richtung Borssum kommen könnten. Obwohl ich ihm erklärte, dass ich auf einer kriegswichtigen Werft tätig sei, bestand er auf Ausführung seines Befehls. Nachdem sich der Offizier entfernt hatte, warf ich die Waffe in den Graben, schnappte mir mein Fahrrad und fuhr zur Werft.

Mein Großvater erzählte mir von den Ereignissen im 2. Weltkrieg 1939 – 1945.   

Am 1.September 1939 : Ich war 12 Jahre alt, ging noch zur Schule. Aus dem Volksempfänger ( Radio ) hörten wir die Ansprache des „Führers“ an das deutsche Volk. Mir klingen noch die folgenden schweren Worte im Ohr : „Seit heute morgen wird zurück geschossen, Bombe wird mit Bombe vergolten, Gas mit Gas - Giftgas !“ 
Damit begann der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Es folgten die Kriegserklärungen Englands und Frankreichs an Deutschland. Als Pimpfe der Hitlerjugend konnten wir nicht ahnen, welch schreckliche Kriegsjahre uns bevorstanden.   
Ich wurde nach der Volksschule im Jahr 1941 bei der deutschen Reichsbahn als Junghelfer eingestellt. Schon im 3. Lehrjahr wurde ich zur „Wehrertüchtigung“ eingezogen, mit 17 Jahren zum Reichsarbeitsdienst einberufen. 1944 wurde unsere Einheit nach Oppeln in Schlesien verlegt. Wir mussten Schützengräben ausheben, weil die russische Armee immer näher an unsere Grenze herankam. Der Krieg war so gut wie verloren, aber die Nazis befahlen, bis zum „Endsieg“ weiter zu kämpfen.
In Frankreich hatte die Invasion der Alliierten (England, Amerika, Kanadier) begonnen.
Über Deutschland fielen täglich Bomben. Viele Städte wurden in Schutt und Asche gelegt. 
Ich hatte das „Glück“, aufgrund meiner stark ansteckenden Krankheit und nach mehreren  Monaten im Krankenhaus nach Ostfriesland zurückkehren zu können und beim Bahnhof Oldersum meinen Dienst wieder aufzunehmen. 
Der Luftkrieg wurde immer härter. Die Stadt Emden war schon Anfang des Krieges Ziel der Bombenangriffe. Zum Schutz der Zivilbevölkerung wurden im Stadtgebiet Luftschutzbunker gebaut.
Viele Emder Bürger wurden auf dem Lande untergebracht. In Neermoor ,ca. 20 km vor Emden, baute man eigens dafür ein Barackenlager an der Bahnhofsstraße  (jetzt Berliner Ring).
Nachdem schon viele Städte in Deutschland größtenteils zerstört waren, erlitt Emden am 6. September 1944 den schwersten Luftangriff : Das Stadtgebiet lag danach in Schutt und Asche.
Wir auf dem Lande blieben zum Glück verschont.
Die feindlichen Tiefflieger beherrschten den Luftraum und schossen auf alles, was sich als Fahrzeug auf der Straße und Schiene bewegte.
Ich saß einmal in einem Personenzug auf der Fahrt nach Oldersum. Unterwegs schossen die Tiefflieger auf die Lok und verletzten im ersten Wagen zwei Reisende. Sogar auf dem Felde oder beim Torfgraben im Moor mussten wir oft in Deckung gehen, weil die Tiefflieger über unsere Köpfe jagten.
Ein amerikanischer Bomberverband, verfolgt von deutschen Jagdfliegern, entlud seine Bomben auf die Felder zwischen Neermoor und Neermoor Ost. Ein paar hundert Meter weiter nach Westen und unser Dorfzentrum wäre ein Schutthaufen gewesen.                                                                     
(Interviewer: Heiko)
Meine Nachbarin ist eine ältere Dame von 87 Jahren. Sie hat im Alter von 22 Jahren mit ihrer Familie den Bombenkrieg in der Umgebung von Duisburg erlebt. 
Lotti, 1917 geboren, gelernte Säuglingsschwester.
Zu der Zeit befand ich mich in Duisburg und wohnte bei meinen Eltern. In den Nächten mit den Bombenangriffen flohen meine Eltern und ich in einen Luftschutzkeller, der sich neben unserer Wohnung befand (Polizeigebäude, Vater Polizist). Ich erinnere mich an meine Mutter, wie sie immer ihr Strickzeug mitnahm. Alle haben gebetet und geweint, aber meine Mutter war wie ein Fels in der Brandung, sie strickte und strickte immer weiter. So auch in einer Nacht, in der mein Vater Dienst hatte, er und sein Kollege pendelten immer zwischen drinnen und draußen, um zu nachzusehen, wo die Bomben eingeschlagen waren. Zum Schutz trug er nur einen Stahlhelm. Einmal stürmten sie rein und riefen: „Alles raus! Wir haben gesehen, dass ein Flieger Bomben abgeworfen hat, nun ist ein Loch im Kellerfenster. Da wird wohl ein Blindgänger reingeflogen sein. Alle sofort raus! Da kann noch was passieren, rauß!!“ Das war so nachts um drei Uhr und wir suchten Schutz im Gemeinschaftshaus. Mein Vater ging mit seinen Kollegen in der Zwischenzeit in den Keller, um seinen Verdacht, dass im Keller eine Bombe sei, zu bestätigen. Und es war wirklich so. Eine große Bombe war in unserem Keller gelandet. Nachdem beide so schnell wie möglich wieder raus waren, wurde gesagt, dass das Gebäude nun Sperrgebiet sei. Wir konnten nicht mehr in unsere Wohnung. Wir hatten nichts mehr, außer unsere Kleider am Leibe. Mein Vater hatte jeden Tag Dienst. Das Verlangen, etwas aus der Wohnung zu holen, war groß. Es war ja alles da. Doch die Angst war größer. Nun hatten wir aber den Wohnungsschlüssel von Bekannten bekommen, die evakuiert waren. Diese haben damals gesagt, wenn es nötig sei, dann könnten wir auch in deren Wohnung bleiben. So hatten wir wenigstens wieder ein Dach über dem Kopf. Und Kleidung versuchten wir hier und da aufzutreiben. Einmal mussten ich und meine Mutter eine Leiche in Remstet identifizieren. Es waren Leichen, die durch Phosphorbomben verstümmelt wurden. (Leichen waren durch den Phosphor zusammengeschrumpft.)
Wir erkannten eine sehr gute Bekannte an einer Marke, die sie, wie viele andere auch, am Hals trug. Mann musste ja wissen, wo die Leichen begraben werden sollten.
Mein Vater ist nachts, wenn wir schliefen, in unser kleines Wohnzimmer gegangen und hat immer heimlich versucht, einen englischen Sender zu empfangen, wohl wissend, dass er dafür inhaftiert werden könnte. Aber er wollte wissen, wie die Lage war.
(Interviewerin: Sandra)
 

27. September 1943: Bombenangriff über Esens

Am 27. September 2004, genau 61 Jahre nach dem Bombenangriff in Esens, sprach ich mit meiner Oma (68 Jahre) und einer Bekannten (83 Jahre) über ihre Erlebnisse während der Angriffe. 
„Es gab Alarm! Meine Geschwister und ich wussten zunächst nicht recht, was los war. Doch unser Vater kam angerannt und schickte uns in den Garten. Wir sprangen durchs Fenster und versteckten uns in einem kleinen Unterschlupf, den mein Vater selbst gebaut hatte. Bei uns auf dem Dorf gab es keine großen Bunker wie in den Städten. Im Prinzip war jede Familie auf sich selbst gestellt. 
Bis zur Entwarnung saßen wir zusammengepfercht und warteten. 
Furchtbare Ängste machten wir durch. Die ganze Zeit war da das Gefühl, dass unser Leben hier enden würde. Wir konnten die Flieger tief über uns hinweg sausen hören. Jedes Mal zuckten wir zusammen, wenn es draußen krachte. Tränen liefen uns die Wangen hinunter. 
Die Ziele der Angreifer waren eigentlich weiter entfernt, doch diese Angst vor Querschlägern und Irrläufern machte uns krank, “  so berichtete die 83-jährige Bekannte.
Zu diesem Zeitpunkt befand meine Oma sich in der Schule.
„Die Alarmsirene auf dem Dach des Gebäudes heulte auf. Sofort schickte uns unser Lehrer auf den Schulhof. Dort sollten wir uns in die Hocke setzen oder flach auf den Boden legen, damit uns die Kampfflieger nicht entdeckten. Als die erste Angriffswelle vorüber war, konnten wir nach Hause gehen. Später ging der Alarm dann noch mal los. Meine Geschwister und ich liefen zum Nachbarn hinüber und versteckten uns im Torfstall des Hofes. Dort verbargen sich auch Flüchtlinge aus Polen. Viele hatten in dieser Zeit solche Menschen bei sich aufgenommen. 
Unvorstellbare Ängste gingen durch unsere Köpfe. Ein Nachbarsmädchen war so fertig, dass sie sich in die Hosen machte.“
Bei einem solchen Alarm mussten sie oft „ewig“ liegen bleiben. Es waren schreckliche Tage. 
Am 27. September 43 wurde Esens bombardiert. Auch Schulen blieben nicht verschont. Viele Kinder wurden verschüttet und mussten ihr Leben lassen.  Zwei Cousinen meiner Oma (7 und 9 Jahre) sind in den Trümmern zu Tode gekommen. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie ein Mann ihrer Tante die grausame Nachricht überbrachte.                                                     
(Interviewerin: Wiebke)

 
Besuch des Bunkermuseums
in Emden