31.03.19 16:55
Von: HEK

Die Spurensuche geht weiter – Schüler der BBS II besuchen Partnerschule in Lodz


Jüdischer Friedhof, Friedhofsmauer mit Gedenkplaketten

Gedenkstätte Radegast

Gedenkstätte Radegast - Modell des Gettobereichs in der Altstadt

Die Austauschgruppe während ihres Besuchs im Stadtparlament mit Dr. Marcin Golaszewski (Bildmitte)

Gedenkstätte Auschwitz - Eingang zum Stammlager

Lodz, Freiheitsplatz, rechts das Staatsarchiv Lodz

Auszug aus der Todesanzeige für Susanne Karseboom, geb. Gossels, geboren am 29.01.1874 in Emden

Gedenkstätte Chelmno

Mit prägenden Eindrücken und vielen guten Erfahrungen im Gepäck beendete kürzlich die BBS II-Schülerdelegation mit ihren Lehrern Gero Conring und Folkert Heikens sowie Dr. Rolf Uphoff, dem Leiter des Emder Stadtarchivs, ihren knapp einwöchigen Besuch im polnischen Lodz. Begleitet wurde die Gruppe in diesem Jahr von Filmemacher Ulli Scholz aus Bremen und Projektkoordinator Alfred Weese, die gemeinsam einen Dokumentarfilm über das bereits seit 2012 bestehende Austauschprojekt zwischen den BBS II Emden und verschiedener Partnerschulen in Lodz (seit 2018 die Zespol Szkol Politechniki Lodzkiej, Polytechnisches Liceum in Lodz) drehen.

Hintergrund des Schüleraustausches ist die Spurensuche der letzten 122 ostfriesischen Juden, die im Oktober 1941 aus Emden, Aurich und Leer in das Getto Litzmannstadt (Name der Stadt Lodz während der deutschen Besatzung) deportiert worden sind. Die deutsche Reisegruppe besuchte gemeinsam mit ihren polnischen Austauschschülern und deren Deutschlehrerinnen Agnieszka Swica und Aleksandra Jurek diverse historische Orte, um die letzten Lebensmonate der deportierten und ermordeten Ostfriesen jüdischen Glaubens nachzuzeichnen. In der Stadt Lodz besuchte die Gruppe zu diesem Zweck die Station Radegast, den jüdischen Friedhof und das Staatsarchiv.

Der ehemalige Bahnhof Radegast war für die aus Ostfriesland Deportierten im Jahr 1941 eine Zwi­schenstation auf dem Weg in das nahe gelegene Getto. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Bahnhofgeländes eine Gedenkstätte. Große graue Betonstelen verweisen auf das Leid der vielen von Zwangsmigration Betroffenen, zumeist Juden, die aus Westeuropa über Radegast entweder in das Getto Litzmannstadt oder direkt in eines der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Das Leben im Getto war vor allem von Zwangsarbeit, Mangelsituationen und der ständigen Angst, zum Opfer der deutschen Willkürherrschaft zu werden, geprägt. Verlassen durfte die jüdische Be­völkerung ihr Gefängnis nicht, wer trotzdem einen Fluchtversuch wagte, musste mit dem Tode rech­nen. Bis heute zeugen alte, zum Teil verwahrloste oder verlassene Gebäude im ehemaligen Gettoge­biet von der tragischen Geschichte des Ortes.

Am Rande des ehemaligen Gettos liegt der jüdische Friedhof, der zu den größten Begräbnisstätten für Menschen jüdischen Glaubens in Europa gehört. Auf dem Friedhof fällt schnell ein krasser Kontrast auf. Neben alten Gräbern und Gruften, entweder schlicht oder kunstvoll, neben Hunderten von Zeugnissen jüdischer Begräbniskultur, die wiederum auf die lange jüdische Geschichte der Stadt Lodz verweisen, befinden sich große Flächen, die entweder nur mit Gras bewachsen sind oder auf denen kleine provisorische Grabmale aneinandergereiht wurden. Bis zur sogenannten Liquidierung des Gettos Litzmannstadt im August 1944 durch die deutschen Besatzer wurden weiterhin Juden auf dem Friedhof beigesetzt, die schlechte Versorgungslage jedoch zwang die jüdische Gettoverwaltung dazu, die Bestattungskultur zu verändern, Grabsteine wurden durch Provisorien ersetzt. Aufgrund der hohen Anzahl an Toten im Getto wurden aber selbst diese bald zur Mangelware.

Um mehr über das Leben im Getto und das Schicksal der dort Gefangenen zu erfahren, begab sich die Schülergruppe in das Staatsarchiv, das im historischen Zentrum der Stadt liegt. Dort sichteten sie archivierte Postkarten, Melde- und Registerkarten sowie Todesanzeigen aus dem ehemaligen Getto. Schon seit dem Jahr 2012 forschen Gero Conring und Dr. Rolf Uphoff zusammen mit Schülern auf diese Weise im Staatsarchiv der Stadt. „Mithilfe der gesammelten Informationen ist es uns möglich, die Erinnerungsarbeit zu unterstützen, so können beispielsweise mit konkreten Todesdaten Gedenkstelen oder Stolpersteine erweitert werden. Außerdem stehen wir mit Nachkommen der Opfer in Kontakt, die erfahren möchten, wann und auf welche Weise ihre Angehörigen aus dem Leben geschieden sind.“, erläutert Rolf Uphoff.

Als besonders ergreifend empfanden die Teilnehmer die Besuche des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz sowie des ehemaligen Vernichtungslagers Kulmhof (Chelmno). Letzteres erinnert an den hunderttausendfachen Mord an Juden aus dem Getto Litzmannstadt. Im Jahr 1942 verschleppten die Nationalsozialisten einen großen Teil der nicht arbeitsfähigen Bevölkerung des Gettos, unter ihnen auch viele ostfriesische Juden, ins ca. 70 Kilometer entfernte Chelmno, um sie dort mithilfe von sogenannten mobilen Gaswagen zu ermorden. In einem nahe gelegenen Waldgebiet wurden die Toten von SS-Sonderkommandos verscharrt und vor der Eroberung durch die Rote Armee verbrannt. Schwer zu ertragen war für die Gruppe der Gedanke, dass die Nazis selbst aus den sterblichen Überresten noch Profit schlugen, indem sie die Knochenreste mithilfe von Knochenmühlen zerkleinerten und als Düngemittel verkauften. Noch heute finden sich auf dem großen Areal der Gedenkstätte inmitten von Kiesbetten Knochenfragmente der Opfer. „Bei dem Anblick der sterblichen Überreste der Opfer fehlten uns die Worte. Dass Menschen zu solch bestialischen Taten fähig sind, ist einfach unbegreiflich, stellen Sara Everwien und Sonka Wolff, Schülerinnen der Klasse 11 des Beruflichen Gymnasiums, in einem späteren Gespräch fest.

„Neben dem historischen Schwerpunkt dient das Austauschprojekt natürlich aber auch der Völker­verständigung“, so Geschichtslehrer Gero Conring. „Um sich kennenzulernen und einander zu schätzen, bedarf es nicht nur des Blicks auf die Vergangenheit, natürlich muss der Kontakt auch im Hier und Jetzt stattfinden.“ Das Austauschprogramm sah neben dem Austausch in den Familien deshalb auch diverse Beschäftigungs- und Freizeitangebote vor. Neben gemeinsamen Unterrichtsstunden und sportlichen Aktivitäten in der Partnerschule fand z. B. eine Führung im Stadtparlament Lodz statt, die der Parlamentsvorsitzende Dr. Marcin Golaszewski in makellosem Deutsch höchstpersönlich gab. Zudem stand ein Besuch in einem Thermalbad an. Am letzten Tag der Austauschwoche waren die Schüler überdies Gäste eines Deutschlehrerkongresses im Centrum Dialogu, einem 2010 gegründeten Dialog-Zentrum zur Förderung des multikulturellen und multiethnischen Erbes der Stadt. Dort wurden Filmaufnahmen des Projekts, die im November 2018 im Rahmen des Besuchs der polnischen Schülergruppe in Deutschland entstanden sind, präsentiert. Nicht nur der Filmausschnitt stieß auf positive Resonanz im Publikum, auch die von deutschen und polnischen Schülern, u. a. Sven Pittelkow und Lea Clausen, gestaltete gemeinsame Einleitung in der jeweils anderen Landessprache wurde von den Zuschauern mit einem lang anhaltenden Applaus gewürdigt.


Geschichtslehrer Gero Conring blickt auf eine gelungene Austauschwoche zurück und freut sich auf den kommenden Besuch der polnischen Delegation. „Der Austausch hat wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, junge Menschen unterschiedlicher Nationen zueinander finden zu lassen. Ein gemeinsamer Blick auf die wechselvolle deutsch-polnische Geschichte und das Gedenken an die vielen Opfer der abscheulichen Gräuel der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bilden dabei das Fundament für eine freundschaftliche und friedvolle Zukunft.“